Parathormon-Mangel durch Nebenschilddrüsenunterfunktion tritt bei mehreren Erkrankungen auf. Er kann auf einer angeborenen Fehlentwicklung beruhen (z.B.Di-George-Syndrom), Teil einer komplexeren Autoimmunerkrankung sein (z.B. auch zusammen mit Autoimmunthyreoiditis) oder durch äußere Einflüsse zustande kommen (z.B. Magnesiummangel, Alkoholexzess, Medikamente). Ist Parathormon zwar in ausreichender Menge vorhanden aber nicht wirksam, so spricht man von Pseudohypoparathyreoidismus.
Die wohl häufigste Ursache für Parathormonmangel ist die Schädigung oder Entfernung der Nebenschilddrüsen bei Schilddrüsen- oder Nebenschilddrüsenoperationen. Sofern nicht alle vier Nebenschilddrüsen (auch Epithelkörperchen genannt) dabei entfernt oder endgültig geschädigt wurden, kann sich ihre Funktion aber nach einiger Zeit wieder erholen. Moderne Operationsmethoden bemühen sich, durch Kontrollen während der OP oder Verpflanzung der Epithelkörperchen um weitestgehende Erhaltung der Nebenschilddrüsen.
Die offensichtlichsten Symptome der Nebenschilddrüsenunterfunktion entstehen durch Calciummangel im Blut. Da Parathormon neben Vitamin D zu den wichtigsten Regulatoren des Calciumstoffwechsels gehört, macht sich ein Mangel entsprechend bemerkbar. Eine Hypocalciämie führt zu einer Übererregbarkeit der Muskulatur die sich mehr oder weniger stark durch folgende Symptome bemerkbar machen kann:
- unerklärliche Angstgefühle, Reizbarkeit
- Kribbeln in Armen, Beinen und Gesicht (Parästhesien)
- Zucken der Lippen beim Beklopfen der Wange (Chvostek-Zeichen)
- schmerzhafte Muskelkrämpfe der Hände und Füße (Spasmen)
- Verdauungsstörungen und Bauchschmerzen (Darmkrämpfe)
- Kopfschmerzen (Gefäßverkrampfungen)
- Atemnot (Bronchialkrämpfe)
- Krampfentwicklung nach Aufpumpen der Armmanschette des Blutdruckmessgerätes (Trousseau-Zeichen)
- „Pfötchenstellung” der Hände
- „Karpfenmund”
- Kehlkopfkrampf
- Herzbeschwerden (QT-Verlängerung im EKG)
Wenn die Krämpfe als akuter Anfall auftreten (man spricht von tetanischen Anfällen), besteht die Gefahr der Verwechslung mit epileptischen Anfällen, vor allem, wenn der Patient dem Arzt nicht bekannt ist. Abhilfe könnte ein Notfallausweis schaffen.
Durch psychische Belastungen aber auch durch Schilddrüsen-Überfunktion kann es auch bei Nebenschilddrüsen-Gesunden zu Tetanien kommen. Bei dieser sogenannten Hyperventilationstetanie ist zwar genug Calcium im Blut, aber nicht in der wirksamen (ionisierten) Form. Ein Kohlendioxid-Mangel, der entstanden ist, weil einige Zeit lang mehr ein- als ausgeatmet wurde, verändert den Säurewert des Blutes (Alkalose) und ist Schuld an dieser Störung. Messungen der Blutgase und des ionisierten Calciums helfen in diesem Fall, Verwechslungen zu vermeiden.
Unbehandelter Hypoparathyreoidismus kann langfristig zu Verkalkungen im Gehirn (in den Basalganglien) und einer Augenlinsentrübung (Katarakt, Grauer Star) führen. Dabei spielt neben Calciummangel ein Überschuss an Phosphat im Blut eine Rolle, der ebenfalls durch den Hypoparathyreoidismus ausgelöst wird (siehe dazu: Probleme und Fallbeispiele).
Calcium und Phosphat gehören auch zu den möglichen Verursachern von Nierensteinen, die bei unzureichender Therapiekontrolle des Hypoparathyreoidismus entstehen können. Weitere Nierenfunktionsstörungen kommen dabei ebenfalls vor (siehe dazu: Probleme und Fallbeispiele).
Ob der Parathormonmangel weitere Folgen für den Patienten mit Nebenschilddrüsenunterfunktion hat, ist bislang noch wenig untersucht. Die Osteoporose-Forschung befasst sich allerdings intensiv mit der Wirkung des Hormons auf den Auf- und Abbau der Knochensubstanz. Entsprechende Erkenntnisse müssten auch für den Fall des Hypoparathyreoidismus weiter hinterfragt werden.
Dieser Text wurde verfasst von Frauke Sieger, Schiffdorf, 2004. Für die freundliche Durchsicht und Korrektur dieses Textes danken wir Herrn Professor Dr. med. J. Pfeilschifter aus Essen.
